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Da ist zum einen eine 17- jährige Schülerin aus Jockgrim bei Germersheim, die biographisch bedingt zur Gebärdensprache gefunden hat, und das derart überzeugend und passioniert, dass sie Songs von bekannten Künstlern übersetzt und ihre Handyvideos via Facebook ins Netz stellt. Und da ist zum anderen ein Rapper und ehemaliger Bodyguard aus Zürich mit Wurzeln in Sri Lanka, der auf der Suche nach einer Übersetzerin seiner Texte just auf diese Facebook- Seite gestoßen ist. Ergebnis ist ein Projekt namens „Du“, das Musik -  in diesem Falle Rap – für Gehörgeschädigte sichtbar, fühlbar und erfahrbar macht – via Gebärdensprache. Ein Projekt, das durchaus seinesgleichen sucht.

„Sie war gleich Feuer und Flamme und sofort bereit, mit einzusteigen“, berichtet Siva Ganesu vom ersten gemeinsamen Treffen mit Vanessa Feller-Jung. Denn da beide Elternteile von ihr gehörlos sind -  sie selbst bleibt von diesem Handicap verschont – ist die junge Pfälzerin für Gebärdensprache prädestiniert.

„Ich bin mit diesem Thema groß geworden. Wenn ich mit meinem Vater im Auto Musik gehört habe, hat er mich oft gefragt, was Musik eigentlich ist“, erinnert sich Vanessa, „das war schwer in     Worten auszudrücken.“ Aber es hat sie offenbar beschäftigt. Als der Vater dann nach der Trennung der Eltern noch mal geheiratet hat, hat sie zur Hochzeit ein erstes Lied mit Gebärdenübersetzung in Szene gesetzt.
Offenbar ein echter Wurf -  denn es setze ausnahmslos positive Reaktionen. Was sie wiederum inspirierte, eine Seite aus Facebook einzurichten (www.fb.com/vanessasgebaerdenlieder), auf der sie bekannte Acts anderer Musiker interpretiert. „Es macht einfach Riesenspaß, zeigen zu können, wie man sich Musik vorstellen kann“, Feller-Jung. Der Riesenspaß kam bei Siva Ganesu sofort an. „Sie hat das schon mit 14 Jahren richtig toll gemacht“, freut sich der Rapper. Zwar gab es auch Alternativen, doch oftmals sei die Geschichte sehr emotionslos rübergekommen. „Bei Vanessa dagegen sah es einfach richtig aus“, findet der 33-Jährige.

„Endlich kümmert sich mal jemand um uns“

Dass SIGA, so sein Künstlername, überhaupt auf diese Gebärdenschiene aufmerksam wurde, hat er wiederum einem weiblichen Fan zu verdanken, die ihn hat seine Musikvideos mit Untertitel zu versehen, um sie einer hörgeschädigten Bekannten zu zeigen. „Ich hatte lange überlegt, wie man das so umsetzen kann, dass nicht nur der Titel rüberkommt.“ Am Ende sei er schließlich bei der Gebärdensprache gelandet.
Die Resonanz auf die erste Single „Du“ war jedenfalls enorm. „Ich habe zeitweise fast jeden zweiten Tag Rückmeldung bekommen, dass endlich mal einer auch an uns denkt“, berichtet der in Bielefeld aufgewachsene Wahl-Schweizer.

Bis dato sind aus der gemeinsamen Arbeit vier Tracks entstanden. Die jüngste davon ist erst Ende Mai rausgekommen und trägt den Titel „Meine Nr. 1“. Das Video wurde in der Kunsthalle in Karlsruhe gedreht – mit leichtem Medienrummel und einem Refrain, bei dem man optisch tatsächlich mal mitkommt: Zeigefinger vor, Zeigefinger zum Boden – will heißen „Nur mit Dir hier“. Message der Single: Sei du selbst „steh“ zu dir selbst. Du kannst alles verändern. Es ist Teil eines Albums, das 2019 erscheinen soll, dann auch als DVD, auf der alle Songs komplett in Gebärdensprache übersetzt sind.
Bis dahin ist also noch Zeit, am Timing zu feilen. „Hauptschwierigkeit ist, dass die Gebärdensprache absolut zeitgleich mit der Musik ist“, erläutert Vanessa das musikalische Synchronschwimmen. Auch auf die mimische Interpretationen der Worte und Übersetzung der Gefühle – soweit das geht -  legt sie sehr viel Wert. Bedeutet für sie im Umkehrschluss, dass sie SIGAs Texte auswendig intus haben muss. „Der Rest ist dann eigentlich relativ einfach“, so Feller-Jung. Damit die verbale Botschaft auch wirklich beim Zuhörer ankommt, spricht sie den Text auch mit den Lippen nach, als zusätzliche Info zum Ablesen sozusagen.

„Gehörlose sind keine Außerirdischen“

Und bei den Live-Konzerten kommen, um das sinnliche Erlebnis vollends zu steigern, sogar Luftballons zum Einsatz, die das Publikum in den Händen hält. Frei nach dem Grönemeyer-Motto „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ werden die Bässe tontechnisch verstärkt, mit dem Resultat, dass sich die Vibration auf die Hände überträgt. „Für Gehörlose ist das die einzige Chance, Musik zu verfolgen, indem man den Bass durch die übertragenen Schwingungen mitfühlt“, so Feller-Jung.
An Live-Auftritten selbst sind aktuell zwei Open Airs in der Schweiz geplant. „Die Nachfrage ist groß. Die Geschichte kommt langsam ins Rollen“, berichtet Ganesu. Wobei der nichthörende Anteil mittlerweile rund um die Hälfte des Live-Publikums ausmacht. Dass mitunter auch „geschummelt“ wird, sprich das ein oder andere Wort weggelassen und nicht alles wörtlich übersetzt wird, liegt in der Natur der Sache. „Ich komme aber eigentlich relativ gut hinterher“, erzählt Feller-Jung. Das Fingeralphabet -  meist nur zum Buchstabieren von Namen und Orten verwendet – kommt ohnehin nicht zum Zug. Das würde beim Texttempo des Rap keinen Sinn machen. „Da bräuchte man ewig“, weiß Vanessa. „Ich achte schon darauf, dass sie bei den Songtexten von der Technik und Geschwindigkeit her alles mitbekommt“, versichert Ganesu. Wobei künstlerisch klare Arbeitsteilung herrscht. „Die Musik ist sein Ding. Ich bin nur für die Übersetzung zuständig“, sagt Vanessa.
Ziel ist jedenfalls, eine Musik rüber zu bringen, die absolut positiv besetzt ist und „den Menschen Kraft gibt“ – auch denen, die mangels Gehör bisher keine Möglichkeit hatten, zum Konzert zu kommen. Vanessa Feller-Jung geht sogar noch einen Schritt weiter: Stichwort Inklusion. „Für mich ist wichtig, dass die Hörenden begreifen, dass Gehörlose keine Außerirdischen sind.“ Immerhin sei man im Alltag schon mal mit komischen bis angewiderten Blicken oder gar verletzenden Vorurteilen konfrontiert, so ihre Erfahrung. Vor allem mit dem Vorurteil, Gehörlose würden einen eh nie verstehen. „Jeder Gehörlose kann von den Lippen ablesen. Man muss nur einigermaßen langsam sprechen“, korrigiert Feller-Jung. Sie findet es jedenfalls „traurig, wie es in unserer aufgeklärten Welt um die Integration in diesem Punkt bestellt ist“.

Motivation genug jedenfalls, nach dem Abi 2009 an der Gesamtschule Wörth Gebärdendolmetschen zu studieren und quasi ihr Hobby zum Beruf machen -  wenn auch nicht nur mit Rapsongs.
Auch für SIGA ist das „Projekt Du“, an dem er seit drei Jahren zugange ist, längst eine „Herzenssache“. Der ehemalige Personenschützer, der schon Jessica Alba, Beyoncé oder Samuel L. Jackson betreuen durfte, hat offenbar sein Metier gefunden. Die ein oder andere Gangstarap- „Jugendsünde“, darunter zwei Videos, die er heute selbst „als extrem“ bezeichnet, sind Schnee von gestern. „Ich bin reifer geworden“, findet der Vater eines einjährigen Sohnes. Das zeigt auch die Tatsache, dass die Streamingeinnahmen aus dem neuen Album dem Gehörlosenverband zugutekommen sollen.

Initialerlebnis mit Denzel Washington

Wobei er dem Personenschutz immerhin sein künstlerisches Initialerlebnis verdankt. So dufte er in Zürich vor Jahren Hollywoodstar Denzel Washington zu einer Benefizveranstaltung begleiten -  und auf der Rückfahrt dem gut gelaunten Schauspieler auf der Rückbank vorrappen. Kommentar Washington: „Du hast Talent, nutze es und glaube an dich.“ So starten Karrieren.
Fragt sich nur noch, ob es den gehörlosen „Zuhörer“ nicht verwirrt, wenn SIGA bei den Auftritten ebenfalls gestenreich mit den Händen rumfuchtelt. „Die wissen schon, dass sie sich auf mich konzentrieren müssen“, schmunzelt Vanessa. Auf wen sollte das „wunderschöne Baby“ schließlich sonst gemünzt sein, wo sie das Kind doch schaukelt – gebärdetechnisch?

 

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